André Henning | Zentralwerk e. V.

Kultur als Gegenentwurf: Das Zentralwerk als Möglichkeitsraum in Pieschen
Kultur als Gegenentwurf: Das Zentralwerk als Möglichkeitsraum in Pieschen
Ein Interview mit André Hennig, Mitglied der Zentralwerk Kultur- und Wohngenossenschaft Dresden und zuständig für Öffentlichkeitsarbeit von Genossenschaft sowie Verein. Über ehrenamtliches Engagement zwischen Selbstverwaltung und Selbstausbeutung, die Rolle des Zentralwerks als Alternative zum gesellschaftlichen Backlash in Ostdeutschland und Medienkompetenz als “demokratische Basiskompetenz”.
Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?
Mein Name ist André Hennig und ich bin „Genosse“ in der Zentralwerk Kultur- und Wohngenossenschaft Dresden. Als solcher wohne ich auch im Zentralwerk. Beruflich beschäftige ich mich aktuell vor allem mit Öffentlichkeitsarbeit im Kulturbereich und als PR-Texter.
In welcher Funktion sind Sie aktuell tätig?
Im Zentralwerk gibt es neben der Genossenschaft noch den Zentralwerk e.V., das ist sozusagen der kulturelle Arm des Projektes. Ich koordiniere die Öffentlichkeitsarbeit für Genossenschaft und Verein, wobei der vom Verein getragene Veranstaltungsbetrieb dabei den wesentlichen Teil ausmacht.
Was hat Sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren?
Das Zentralwerk existiert als Ort, der Leben und Arbeiten verbindet, seit ca. 2016. Seit damals haben vor allem die Genossenschaftsmitglieder, die beruflich aus sehr verschiedenen Bereichen kommen, jede Menge ehrenamtliche Arbeit in das Projekt gesteckt und tun es weiterhin, um den kulturellen Betrieb zu gewährleisten und das gesamte Konstrukt strukturell stetig weiterzuentwickeln. Das funktioniert natürlich am besten, wenn jeder seine spezifischen Skills dort einbringt, wo sie gebraucht werden. Da ich seit langem im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig bin, ist es naheliegend, hier entsprechende Aufgaben zu übernehmen und das Zentralwerk als kulturellen Kristallisationspunkt in Pieschen und als Begegnungsort in diesem Stadtteil zu stärken.
Welche konkreten Tätigkeiten umfasst Ihre Arbeit?
Das Zentralwerk dient zum einen als Spielstätte von eigenen, vom Verein getragenen Veranstaltungen, vor allem aber als kultureller Hub, das von ganz verschiedenen Akteuren genutzt werden kann. Dafür stellen wir nicht nur die Infrastruktur zur Verfügung, sondern machen in wesentlichen Teilen auch die Öffentlichkeitsarbeit. Hier bin ich sozusagen der Koordinator, schreibe Pressemitteilungen und habe die Social-Media-Kanäle im Blick.
Warum ist Ihre Arbeit insbesondere für Sachsen von Bedeutung?
In den ostdeutschen Bundesländern und also auch in Sachsen ist es besonders wichtig, Räume und Angebote zu schaffen, die Alternativen zum aktuellen gesellschaftlichen und politischen Backlash bieten. Orte, an denen nicht demokratie- und menschenfeindliche Einstellungen ventiliert werden, an denen nicht Eigennutz und wirtschaftliche Verwertbarkeit das Maß der Dinge sind. Wir versuchen, ein solcher Ort zu sein – zum einen mit unseren Veranstaltungen, zum anderen, indem wir Initiativen und Institutionen eine Plattform bieten, die das gleiche wollen. Im Zentralwerk betreiben Enthusiasten ein freies Radio, beschäftigen sich im Chaos Computer Club u.a. mit gesellschaftlichen Aspekten von Technologie und setzen sich für Informationsfreiheit sowie informationelle Selbstbestimmung ein, spielen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Theater, haben Künstler verschiedenster Richtung einen Platz zum Arbeiten und migrantische Vereine einen „Engagement-Stützpunkt“.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich?
Wohl dieselben wie fast allen ähnlich gestrickten Akteuren: eine prekäre wirtschaftliche Situation und die Endlichkeit ehrenamtlichen Engagements, wenn es in Selbstausbeutung umschlägt. Auch wenn sich ein wesentlicher Teil des Zentralwerks durch Mieten und viel unbezahlte Arbeit selbst trägt, so kann er doch den anderen, kulturellen Teil nicht mal eben querfinanzieren. Denn wir wollen Raum zum Leben und Arbeiten möglichst niederschwellig und kostengünstig anbieten. Der Kulturbetrieb ist von Fördergeldern abhängig. Die fließen in Dresden von jeher vornehmlich in Richtung „Hochkultur“, die Mittel für freie Szene, Popmusik, Kleinkunst etc. schmelzen durch Kürzungen und Inflation wie Schnee im Klimawandel. Zwar haben auch wir einen „Grünen Hügel“ – viel mehr sogar zwei -, von Zuschüssen wie in Bayreuth können wir aber nicht mal träumen, denn die Relationen liegen jenseits des Vorstellbaren. Bekämen wir nur eine einzige Wagnerfestspiel-Jahresförderung, könnten wir damit viele Jahrzehnte lang Programm machen und zusätzlich Leute vernünftig bezahlen.
Welche Rolle spielen digitale Angebote und Medienkompetenz in Ihrer Arbeit?
Das Zentralwerk setzt vor allem auf physische Angebote, auf das gemeinschaftliche Erlebnis vor Ort. Nichtsdestotrotz haben wir Veranstaltungen, die sich mit entsprechenden Themen beschäftigen, gelegentlich auch im Programm. Zudem ist das Zentralwerk Heimat verschiedener Akteure, die auf diesen Gebieten mit Expertise aufwarten können. Beispielhaft genannt seien hier das freie Radio „Coloradio“, das auch mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, sowie der Chaos Computer Club, der mit den „Datenspuren“ auch seine Jahreskonferenz im Zentralwerk ausrichtet.
Wie wichtig ist Medienkompetenz für zivilgesellschaftliches Engagement?
Eminent wichtig. Medienkompetenz ist keine „Zusatzqualifikation“, sondern eine demokratische Basiskompetenz: Ohne sie sind wir nicht in der Lage, uns evidenzbasiert zu informieren, sie ist die Grundlage für Urteilskraft und Handlungsfähigkeit in digitalen wie in gesellschaftlichen und politischen Räumen.
Welche Chancen und Herausforderungen beobachten Sie im Umgang mit digitalen Medien und Medienkompetenz – insbesondere im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe?
Digitale Medien und der souveräne, aber auch kritische Umgang mit ihnen sind ein Grundpfeiler für zivilgesellschaftliches Engagement, sie können uns helfen, wirksam, inklusiv und resilient zu sein. Fehlt die Kompetenz im Umgang mit ihnen, können sie aber auch absolut destruktiv wirken. Die Herausforderung dabei: Medienkompetenz ist über alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten hinweg enorm ausbaufähig.
Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit und welche positiven Veränderungen konnten Sie durch Ihre Arbeit bewirken oder beobachten?
Wir bieten mit dem Zentralwerk einen Möglichkeitsraum. Menschen können sich hier verwirklichen, eine Homebase für ihre Kunst und/oder ihr Business finden, sie können Kultur erleben, Theater spielen, singen, tanzen oder sich einfach nur niederschwellig und diskriminierungsfrei in einem toleranten und aufgeschlossenen Umfeld mit Gleichgesinnten treffen. Damit sind wir nicht die Keimzelle der Weltrevolution, machen die Welt aber vielleicht ein klein wenig besser.
Welche Unterstützung wäre erforderlich, um Ihre Arbeit zu intensivieren oder auszuweiten?
Eine tragfähige wirtschaftliche Basis. Diese sollte auch, aber nicht zwingend ausschließlich, durch den Steuerzahler geschaffen werden. In Zeiten epochaler Ungleichverteilung von Vermögenswerten bieten wir die Chance, hier nivellierend zu wirken: Spenden Sie an den Zentralwerk e.V.! Wir sind wie gesagt ein Möglichkeitsraum: Mäzene sind bei uns ebenso willkommen wie Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren und tatkräftig einbringen möchten.
Welche Empfehlung würden Sie jungen Menschen oder Interessierten geben, die sich engagieren möchten?
Einfach machen. Dafür muss man manchmal ein wenig aus seiner Komfortzone raus und ein bisschen hartnäckig sein. Im Tausch dafür gibt es das schöne Gefühl von Selbstwirksamkeit, Erfahrungsgewinn und den Erwerb von harten und weichen Skills, von denen du nicht wusstest, dass sie existieren, geschweige denn, dass du sie gebrauchen könntest!
Wie können Interessierte Ihr Projekt unterstützen oder weitere Informationen erhalten?
Instagram: zentralwerk
Spendenkonto:
ZENTRALWERK e.V.
IBAN: DE67 8509 0000 3591 3110 25
BIC: GENODEF1DRS
Volksbank Dresden
Spenden sind über zentralwerk.de auch mit Paypal möglich. Außerdem kann man sich im Zentralwerk e.V. einbringen, Fördermitglied werden oder auch ohne irgendwelche Mitgliedschaften mithelfen.
Foto: A. Hennig (c) Steffen Krones